Blick über den Tellerrand

Über den unermüdlichen Einsatz für gesellschaftliche und kulturelle Teilhabe


Hilde Rektorschek ist unterwegs. Meist trifft man sie „im Vorbeigehen“. Die gebürtige Marburgerin ist stets aktiv. Engagiert sich vielfältig in ihrer Stadt, aber auch weit darüber hinaus. Ist Mitglied in der SPD. Hat unzählige Initiativen mitgegründet. Und bringt sich bis heute ein.


Oft in ihrem Leben sei sie zur richtigen Zeit am richtigen Ort, erzählt Hilde Rektorschek; dabei, wenn etwas beginnt. So war das auch mit ihrem Engagement in der Arbeitsgruppe für Ehrenamt im Bundestag: Immer mal wieder sei sie dem heutigen Bundespräsidenten Frank Walter Steinmeier begegnet, „der ist ja auch Genosse“, sagt sie. Eines Tages kam er nach Marburg. „Er ist danach nachhause gefahren und hat meinen Namen wieder vergessen“. Woran er sich jedoch erinnern konnte, war ein Mitbringsel von Hilde Rektorschek bei einem anderen Treffen zuvor: „Ich wusste, dass er die Stracke Wurst gerne isst und habe ihm bei einem Treffen mal eine Brotzeit mitgebracht“. Bei der nächsten Begegnung in Berlin habe er sie gesehen und gerufen: „Ach - die Wurst“ erzählt sie lachend. Durch mehrere Gespräche sei Steinmeier auch auf die von Hilde Rektorschek gegründete Kulturloge aufmerksam geworden, mehr dazu später. Und so habe sie eines Tages, ohne Vorwarnung, die Post mit der Einladung in die Arbeitsgruppe für ehrenamtliches Engagement des

Bundestags bekommen. Steinmeier hatte sie vorgeschlagen. “Hier kümmern wir uns um Fragen wie: Was ist Ehrenamt? Was kann man dem Ehrenamt zumuten?“ erzählt sie von der Arbeit in Berlin. „Das Ehrenamt wird manchmal ziemlich ausgenutzt. Da bekommt man mal ein Dankeschön, aber das war`s. Ich will dass der Staat seine Fürsorge wahrnimmt!“, appelliert sie an die Politik.


Die Sozialdemokratie hat bei Hilde Rektorschek immer eine große Rolle gespielt. Aufgewachsen ist sie in einer Arbeiterfamilie. Seit über 40 Jahren ist sie Parteimitglied. „Die Wurzeln waren immer da“ sagt sie. Auch wenn die Eltern selbst nicht politisch aktiv waren, habe man sich viel über Politik unterhalten. „Die SPD ist wie eine Familie. Meine Eltern haben immer gesagt: Die FDP würden wir noch akzeptieren, aber niemals die CDU“. Sie lacht. „Einmal hab` ich auch mit Willy Brandt ein Glas Wein getrunken. Der hat total mit mir geflirtet: „Du hast so schöne Augen““, habe er gesagt, erzählt sie lachend.


Manche ihrer Projekte wirken auf den ersten Blick unscheinbar. Mit einer Freundin zusammen habe sie sich im SPD-Ortsverein im Stadtteil Richtsberg in Marburg für eine Hausaufgabenbetreuung für sozial benachteiligte Familien eingesetzt. Zuerst sei dies in der Wohnstube der Freundin geschehen. „Wir haben die Kinder einfach gefragt ob sie Unterstützung brauchen“ erzählt sie von den Anfängen. Es sei wichtig gewesen, den Eltern nicht den Eindruck zu vermitteln: „Du kannst doch dein Kind eh nicht erziehen“, sondern ihnen ein Angebot zu machen. Bald sei die Wohnstube zu klein geworden, und so sei man über eine 3-Zimmer-Wohnung so weit gekommen, dass ein eigenes Gebäude für die Initiative gebaut wurde. „Es beeindruckt mich bis heute, wie aus so einer kleinen Idee etwas so großes entstehen kann“, sagt sie. Die Initiative existiert bis heute. Genauso sei das auch im „Handicap Team“, der Basketballmannschaft für geistig behinderte Menschen gewesen. Zu Beginn sei das eine kleine Idee mit Menschen aus dem Fanclub des Basketball Bundesligateams der Frauen beim BC Marburg gewesen. Mittlerweile kommen bis zu 25 Frauen und Männer, Mädchen und Jungs ins Training. „Es ist überall so: wenn jemand anfängt kommen Gleichgesinnte dazu“. Der nächste Schritt ist die Teilnahme an den Landesspielen der Special Olympics im Basketball. Das Ziel: die Qualifikation für die Spiele auf nationaler Ebene.


Mit der von ihr gegründeten Kulturloge möchte sie Menschen unabhängig vom sozialen Hintergrund zur Kultur einladen, indem Veranstaltungstickets beispielsweise fürs Theater an Familien oder Einzelpersonen mit geringem Einkommen vergeben werden. Die Kulturloge wurde in Marburg gegründet und ist mittlerweile ein bundesweites Netzwerk. Hilde Rektorschek ist die Vorsitzende des Bundesverbandes. Oft sei das Problem, dass es bei den Menschen eine Hemmschwelle gebe, die vorhandenen Angebote für Kultur anzunehmen. „Wir wollen mit der Kulturloge hingegen die Schwelle möglichst gering halten. Wir gehen nicht nach dem Almosenprinzip sondern laden die Menschen in die Kultur ein. Dazu gehört als ganz zentraler Grundsatz die Abholung der Tickets an der Abendkasse. Es soll für die Menschen, die sich teilweise ausgegrenzt fühlen von der Kultur, ein Neuanfang sein“, sagt sie. „Ich wusste zu Beginn nicht, ob das funktioniert. Es ist mein größter Erfolg, zu zeigen: Die Menschen nehmen unser Angebot an“. Ganz wichtig sei ihr dabei, den richtigen Ton zu treffen.„Wir sprechen das Thema Armut nicht an. Es geht allein um die Einladung in die Kultur“. Dabei sei die Ansprache der Menschen nicht immer einfach. „Auch wenn die Menschen mal laut oder schräg waren: wir haben sie immer wieder angerufen und ihnen ein Angebot zur Kultur gemacht“. Jeder gehe mit seiner persönlichen Situation eben anders um, das müsse man respektieren. Um alle Menschen in den Genuss von Kultur kommen zu lassen, ist ihr wichtig, deren Bedürftigkeit nicht zu kontrollieren. „Das schreckt die Leute ab“ sagt sie. Das System sei so, dass es niemand missbrauchen könne. Es gebe keine strikten Einkommensgrenzen, keine Kontrolle und keine Sanktion, wenn Tickets nicht abgeholt würden. „Wenn man kontrolliert wer arm ist, dann geht das in die falsche Richtung. Wir vertrauen den Menschen“, verdeutlicht sie die Grundsätze der Kulturloge. Über diese Grundsätze habe es auch mal Streit gegeben. Initiativen in anderen Städten hätten unter demselben Namen versucht, ein anderes Konzept aufzubauen, ohne die Grundsätze zu beachten. Es kam zum Rechtsstreit. Rektorschek hat sich durchgesetzt, sodass sich nur Kulturloge nennen darf, wer die von ihr definierten Grundsätze verwirkliche.


„Was mich nachdenklich macht ist, wenn jemand zu mir sagt: „Früher hast du den Leuten bei der Tafel Essen gegeben, jetzt gibst du ihnen Konzertkarten. Meinst du nicht dass sich da der Staat mal drum kümmern müsste?““. Manchmal werde sie auch als Sozialromantikerin bezeichnet. Was sie darauf antworte? „Ich kann tausend mal sagen dass das ungerecht ist!“ Sie finde das eigentlich auch richtig, das sei Aufgabe des Staates. „Eigentlich gehört sich das so, dass der Staat sich kümmert. Aber da gibt es eben manchmal eine Schieflage, dann muss man helfen. Ich bin wirklich ein Ehrenamtsmensch.“


Ob sie ein Vorbild habe in ihrem sozialen Engagement? Sie überlegt. Dann sagt sie: „Eigentlich nicht. Wer mir aber ganz viel Mut gemacht hat war Regine Hildebrandt“ sagt sie. Die SPDPolitikerin Hildebrandt „haben die meisten verteufelt wegen ihrer Klappe“. Rektorschek jedoch imponierte Hildebrandts Mut und die Courage: „Ihr war egal wie sie wirkte! Die war auch so uneitel“. Hildebrandt, die sich in der Demokratiebewegung der DDR engagierte, habe ihr gezeigt dass es sich lohnt, seine Meinung zu vertreten. „Ich war nicht immer so mutig, aber ich wusste was ich will. Und mir war es immer wichtig, über den Tellerrand hinauszuschauen“ sagt Hilde Rektorschek über sich selbst.


Hilde Rektorschek ist eine Netzwerkerin. „Wir sollten nicht mehr nur unser eigenes Ding machen. Das ist das Entscheidende; gemeinsam kannst du kreativ sein, und das Vertrauen das man so aufbaut ist Gold wert. In politischen Gremien störe sie oft, dass die Leute häufig aus den Führungspositionen verschiedener Organisationen kämen, jedoch die Bindung zu den Menschen verloren hätten, sagt sie. „Das ist mir so extrem wichtig, auf Augenhöhe mit den Menschen zu sein, weil ich mich mit den Menschen gut verstehe, weil ich einen Draht zu ihnen habe“, plädiert sie dafür, immer den Bezug zu dem Menschen in den Mittelpunkt zu stellen. „Es gibt viele, die können das nicht. Denen fehlt die Nähe und das Verständnis. Die sagen nur „Ich kenn die“. Dabei kennen sie nur ihr System und ihre eigene Organisation. Dieses Schubladendenken tut uns nicht gut! Schubladen müssen auf!“


Gegen Ungerechtigkeit einzustehen war ihr früh in ihrem Leben ein Anliegen. Es sei für sie unerträglich gewesen, wie ein Klassenkamerade mit Behinderung von Mitschülern, aber besonders auch von einem Lehrer schikaniert wurde und niemand sich schützend vor ihn stellte. Sie habe lange überlegt was sie tun könne, habe mit ihren Eltern darüber gesprochen und sei schließlich zum Schuldirektor gegangen. Das Resultat: Über den Lehrer kamen wohl noch so viele Fehltritte ans Licht, dass er von der Arbeit an der Schule suspendiert wurde. „Hier habe ich gemerkt: ich kann etwas bewirken“. Es habe sie geprägt, für Zivilcourage nicht sanktioniert, sondern darin bestärkt zu werden.


„Ich bewerte die Menschen nicht“ sagt sie. „Wenn ich einen Menschen sehe, der etwas braucht, weiß ich danach sehr schnell nicht mehr wie der ausgesehen hat oder was für eine Kleidung er an hatte. Ich mache mir kein Bild von diesem Menschen“. Dabei kann sie sich vollständig auf ihr Gespür verlassen. „Ich fühle mich mit ihnen verbunden“, sagt sie, wenn sie von der Arbeit mit obdachlosen Menschen spricht. „Wenn ich mir aussuchen dürfte: Gala oder mit einem Obdachlosen treffen? Ich würde mich mit einem Obdachlosen treffen. Das steht für mich fest“. Es ist die Nähe zu den Menschen egal welcher Herkunft oder mit welchem Hintergrund, diese Wärme und Bodenständigkeit, die Hilde Rektorschek ausmachen. Die Menschen zahlen es ihr zurück: „Die Warmherzigkeit, die mir die Menschen entgegengebracht haben, das hat mich sehr berührt“ berichtet sie beispielhaft von den Anfängen der Initiative am Richtsberg. Als Kind noch sei sie nicht in diese Stadtteile gegangen, weil ihre Mutter sie davor gewarnt habe, das seien „böse Leute“. Sie habe jedoch ihre eigenen Erfahrungen gemacht. Immer wieder bekomme sie außerdem Nachrichten von obdachlosen Menschen, die ihr berichten wie es ihnen ergeht. Eine Frau aus Leipzig engagiert sich mittlerweile selbst; in einem Verein für obdachlose Menschen. Der Mut, er hat sich gelohnt.



Hilde Rektorschek ist nicht aus der Ruhe zu bringen, auch wenn sie inunangenehme

Situationen gerät. Woher sie ihre Gelassenheit nimmt? „Das ist eine gute Frage. Das weiß ich selbst nicht. Das ist mein Bauchgefühl. Ein Lebensgefühl. Ich habe diese Geduld einfach. Und ich vertraue den Menschen“ sagt sie. Jedoch schränkt sie ein: „Geduldig bin ich auch nicht immer. Manchmal rege ich mich ziemlich auf und bin auch verzweifelt. Aber dann erinnere ich mich daran: es gibt immer mal ein paar Tage, an denen passiert ein Blödes nach dem Anderen. Und danach wieder unverhofft etwas richtig tolles, was man gar nicht glauben kann.“ Wie sie sich fit hält für all ihre vielen Aufgaben? Sie überlegt. „Ich gehe fast jeden Weg durch die Stadt zu Fuß. Jeden Tag“, sagt sie. Das halte sie fit. Hilde Rektorschek ist 73 Jahre alt. Sie hat nochviel vor.

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eine gefühlte Ewigkeit ist es her, dass wir uns gemeldet haben - sorry dafür! Wir haben uns das auch anders vorgestellt. Es ist viel passiert - und wir haben euch bisher etwas verschwiegen: seit ein p